Kapitel 2 · Eintrag 1

Der Aufbruch in die Selbstständigkeit

Der Weg in die Selbstständigkeit

Nach dem Aufhebungsvertrag stand ich wieder am Anfang. Kein Arbeitsplatz, kein Einkommen – aber ein klarer Gedanke: Ich wollte nie wieder an eine Maschine zurück. Ich meldete mich arbeitslos, diesmal mit einem Plan. Ich wollte kämpfen, bis ich bekam, was ich wollte. Eine Umschulung zum Mediengestalter Digital und Print. Etwas, das zu mir passte, etwas, das mein Interesse und meine Erfahrung mit Computern endlich auf ein solides Fundament stellte.

Die ersten Gespräche beim Arbeitsamt liefen wie immer: freundlich, unverbindlich, leer. Ich legte meine Unterlagen vor, erklärte, dass ich seit meiner Kindheit mit Computern arbeite, dass ich Webseiten baue und in diesem Bereich meine Zukunft sehe. Die Sachbearbeiterin nickte, machte Notizen, lächelte und sagte dann diesen Satz, den ich nie vergessen werde: „Herr Achatz, das ist im Moment schwierig. Wir brauchen Ihren Beruf. Wir haben so viele freie Stellen."

Ich nickte, ging heim und schwor mir, diesmal nicht lockerzulassen. Ich schrieb Widersprüche, Beschwerdebriefe, verwies auf Paragraphen, suchte Rat. Nach Wochen bekam ich die Ablehnung. Ich legte erneut Widerspruch ein und als auch der abgelehnt wurde, zog ich vor Gericht.

Es war das erste Mal, dass ich mich wirklich gegen eine Behörde stellte. Ich fühlte mich klein, aber entschlossen. Ich hatte keine Ahnung, wie man vor Gericht argumentiert, aber ich wusste: Wenn ich nichts tue, ändert sich nie etwas.

Der Prozess zog sich hin. Monate vergingen. Mittlerweile war ich über ein Jahr schon „Arbeitslos". Währenddessen passierte etwas Unerwartetes: Das Arbeitsamt bot mir einen Gründungszuschuss an. Eine finanzielle Starthilfe für Menschen, die sich selbstständig machen wollten. Ich nahm das Angebot an – nicht, weil ich plötzlich „Unternehmer" sein wollte, sondern weil es meine einzige Chance war, endlich das zu tun, was ich wirklich wollte, wo ich meine Erfüllung sah.

Die Bedingung: Ich musste jede 14 Tage einer einer Schulung teilnehmen. Dort sollte mir ein „Unternehmensberater" beibringen, wie man ein Geschäft aufbaut und einen Businessplan schreibt. Der Mann war freundlich, aber schnell merkte ich: Er wusste alles in der Theorie und nichts aus der Praxis. Er sprach über Businesspläne, Rentabilitätsvorschauen und Marktanalysen, aber wenn ich Fragen zu Kunden, Aufträgen oder Preisen stellte, kam nur Allgemeines zurück.

Ich erkannte das, als er mir einen heißen Tipp gab: „Sie müssen Flyer drucken und in der Stadt verteilen, das ist der Weg zu Ihren Kunden." Ich nickte, druckte tatsächlich Flyer – und verteilte sie in meiner Stadt. Ergebnis: null. Keine einzige Anfrage, kein Anruf, kein Interesse. Ich verstand: Wenn man Menschen etwas beibringen will, sollte man es selbst erlebt haben.

Nach der fünften Sitzung hatte ich genug. Ich sagte ihm offen: „Ich komme nicht mehr. Das hier bringt mir nichts."

Also machte ich mein eigenes Ding. Ich gründete meine kleine Webdesign-Agentur – wenn man das überhaupt so nennen konnte. Durch einen befreundeten Unternehmer aus der Schweiz bekam ich meine ersten zwei echten Aufträge: eine Website für ein Autohaus und eine für ein Handwerksunternehmen. Beide zusammen brachten mir rund 3.500 Euro ein. Das war mehr, als ich früher in zwei Monaten verdient hatte, und diesmal war es kein Geld für Schweiß, Staub und Überstunden, sondern für Wissen, Kreativität und Können.

Ich war stolz. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich, dass ich selbst etwas bewegen konnte. Keine Maschinen, kein Chef, kein Meister, nur mein Kopf und ich.


Doch Erfolg ist selten von Dauer, wenn man ihn nicht festigen kann. Nach diesen beiden Projekten hatte mein Schweizer Kontakt keine weiteren Aufträge mehr. Ich saß wieder da und überlegte: Wie komme ich an neue Kunden?

Ich suchte nach Möglichkeiten und fand eine Online-Börse, auf der Agenturen und Freelancer Aufträge finden konnten, passend zu dem CMS, mit dem ich arbeitete. Ich registrierte mich, stellte mein Profil ein und begann, Angebote abzugeben. Es war ein gnadenloser Wettbewerb. Der Billigste, schnellste und überzeugenste bekam den Zuschlag.

Ich lernte schnell, dass man dort kein Unternehmer war – man war ein digitaler Tagelöhner. Ich bot mich an für 10 Euro pro Stunde, manchmal weniger, nur um Arbeit zu bekommen. Ich fühlte mich wie ein Arbeiter auf dem virtuellen Basar, der ruft: „Ich mach's billiger! Hauptsache, ich darf arbeiten!" Aber ich biss mich durch. Jede Zeile Code, jede Website war Übung. Jeder Auftrag, egal wie klein, war Erfahrung.

Am Ende des ersten Jahres stand die Zahl: 6.800 Euro Umsatz. Kein Vermögen, aber mein eigenes Geld, selbst verdient. Ich war stolz – bis der Brief vom Arbeitsamt kam.

Man gratulierte mir nicht. Stattdessen stand sinngemäß dort: „Sie haben 3.000 Euro zu viel erwirtschaftet. Diese Summe ist zurückzuzahlen, da sie Ihnen nicht zusteht."

Ich war fassungslos. Ich hatte jeden Euro gebraucht, um zu leben, um meine Software, meinen Strom, mein Essen zu bezahlen – und jetzt sollte ich es zurückgeben? Ich vereinbarte eine Ratenzahlung, kleine Beträge, mühsam zusammengekratzt. Einen Monat kam ich in Verzug. Danach war der Plan hinfällig.

Ein paar Wochen später kam ich nach Hause. Gegenüber parkte ein silberner Golf. Ich dachte mir nichts dabei, parkte mein Auto in meiner Einfahrt. Kaum stand ich, rollte der Golf vor und blockierte meine Ausfahrt. Ich wusste, dass wir mal einen Mieter hatten, der Schulden bei der Stromfirma hinterließ. Ich dachte zuerst, die wollten Geld eintreiben.

Die Tür des Golfs ging auf. Ein Mann in Zivil öffnete die Türe und blieb sitzten – aus, kein Abzeichen, kein Uniformträger. Er sagte mit lauter Stimme: „Sind Sie Herr Achatz?" Ich nickte. Er nickte zurück und sagte nur: „Ich komme jetzt rein. Sie haben Geld vom Arbeitsamt zu erstatten. Die Ratenzahlung ist aufgehoben. Ich muss jetzt pfänden."

Ich stand da wie versteinert. „Sie kommen hier nicht rein", sagte ich ruhig. „Steigen Sie wieder in Ihr Auto und verlassen Sie mein Grundstück, sonst rufe ich die Polizei." Er zögerte, musterte mich, drehte sich dann um und fuhr tatsächlich davon.

Ich ging ins Haus, setzte mich hin, starrte ins Leere. Das war kein Film, das war Realität. Wenige Tage später kam ein Schreiben: Die Summe blieb fällig. Ich hatte keine Wahl. Ich borgte mir das Geld – so unangenehm es war – von meiner Mutter. Ich zahlte ihr dann in Raten alles zurück.

Das war kein glanzvoller Start, kein Traum vom Erfolg. Aber es war mein Start. Kein Lehrer, kein Arbeitsamt, kein System hatte mir das beigebracht, was ich in diesen Monaten lernte: Wer Freiheit will, muss den Preis zahlen. Und ich zahlte ihn mit Nerven, Stolz und Schulden.

Doch ich hatte etwas, das mir keiner mehr nehmen konnte: Das Wissen, dass ich es alleine schaffen konnte.