Kapitel 1 · Eintrag 2

Lehrjahre

Die erste Narbe

Mit fünfzehn begann meine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker. Die Werkhalle lag nur 800 Meter von meinem Elternhaus entfernt – ein kurzer Weg, aber er fühlte sich an wie ein Schritt in eine neue Welt. „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens", sagten meine Eltern immer. Und tatsächlich: Mit dem ersten Tag in der Halle war die Kindheit vorbei.

Schon der erste Atemzug dort war anders. Die Luft roch nach Öl und Eisenstaub. Metall auf Metall, das rhythmische Kreischen der Flex, der Funkenflug beim Schweißen – ein Konzert aus Lärm und Arbeit. Hier war nichts weichgespült. Es war roh, hart und ehrlich. Hier ging es nicht um Fantasie, hier ging es um Realität. Um Dinge, die man anfassen, heben und am Ende stolz betrachten konnte.

Ich war Lehrling. Und wie jeder Lehrling musste ich mich beweisen. Doch ich lernte schnell – vielleicht schneller als andere. Manche mochten mich deswegen nicht, vielleicht weil ich anders war, vielleicht weil ich Dinge hinterfragte. Aber unser Betriebsmeister setzte mich überall ein: Schweißen, Drehen, Bohren, Montieren. Ich war einer von nur zwei Lehrlingen, die das Privileg hatten, direkt mit dem erfahrensten Gesellen der Firma zu arbeiten.

Von ihm lernte ich nicht nur die Grundlagen, sondern auch die Geheimnisse, die in keinem Schulbuch standen. Schmieden zum Beispiel. Tricks, Kniffe, kleine Abkürzungen, wie man aus Erfahrung heraus effizienter arbeitet. „Eile mit Weile", „Was du nicht im Kopf hast, musst du in den Händen und Füssen haben". Diese Zeit war hart, aber auch lehrreich. Ich bekam Einblicke in fast jeden Bereich der Werkhalle und sog alles auf. Am Ende eines Arbeitstags durch die Halle zu gehen und die Teile, die ich mitgeschaffen hatte, zu sehen – das erfüllte mich und war schön.


Doch während meine Hände schufteten, blieb mein Kopf oft woanders: bei den Computern. Ein halbes Jahr vor Beginn meiner Lehre hatte ich einen echten PC geschenkt bekommen. 2000 D-Mark kostete er. Es war ein 386er mit „wahnsinnig schnellen" 40 Megahertz und einer Turbo-Taste, die mir damals wie ein Raketenantrieb vorkam.

Darauf programmierte ich grafische Anwendungen. Ich experimentierte, probierte aus, lernte. Schnell merkte ich: Ich wusste auf diesem Gebiet mehr als unser Informatiklehrer. Computer waren für mich keine Fremdsprache, sie waren mein zweites Zuhause.

Eines Tages sagte ein Lehrling zu mir, der kurz vor seinem Abschluss stand: „Andreas, du wirst in diesem Beruf nicht lange bleiben. Du kennst dich mit Computern aus – das ist die Zukunft." 1993 war das. Niemand von uns kannte damals das Wort „Internet". Kaum jemand hatte eine Ahnung, wohin die Computerwelt führen würde. Für viele war es ein Spielzeug. Für mich war es schon damals mehr.

Ich war anders, ein „Nerd". Aber ich wusste: Genau darin lag meine Stärke.